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Fortbildung
  Psychologische Aspekte in der Kinderbehandlung


Dr. Angela Freundorfer, München

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Dr. Angela Freundorfer In den letzten Jahren konnte ein Kariesrückgang bei Zwölf-jährigen in Deutschland beobachtet werden, der sogar die von der WHO gesetzten Ziele übertraf. Diese erfreuliche Entwicklung ist auf gruppen- und individualprophylaktische Maßnahmen zurückzuführen. Zu letzteren zählen Primär-, und Sekundärprophylaxe, also die vollständige Sanierung des Milch- und Wechselgebisses. Um diese Maßnahmen effektiv durchzuführen, ist eine hohe Kooperationsbereitschaft von Seiten des Kindes und der Eltern entscheidend.

Im Gegensatz zur Erwachsenenbehandlung sieht sich der schwerpunktmäßig Kinder behandelnde Zahnarzt immer zwei "Patienten" gegenüber, nämlich der Begleitperson und dem Kind. Die Frage, ob die Eltern bei der Behandlung anwesend sein sollen, muss individuell beantwortet werden. Sie hängt von der Persönlichkeit und dem Alter des Kindes, von der Eltern-/Kindbeziehung und von der Gesamtsituation ab.

Einbindung der Eltern
Das Vertrauen, das die Eltern dem Zahnarzt entgegenbringen, ist unter anderem eine wichtige Voraussetzung für die positive Mitarbeit des Kindes. Ein Vertrauensaufbau wird einerseits durch das Einfühlungsvermögen des Behandlers für die spezielle Situation der Begleitperson (z.B. eigene Zahnarztangst, vorangegangene Zahnarztbesuche, schlechtes Gewissen wegen hoher Kariesinzidenz des Kindes) erreicht.

Dr. Angela Freundorfer
1985 Examen an der Freien Universität Berlin, Zahnklinik Nord. 1986 bis 1989 Tätigkeit in freier Praxis.  1990 bis 1992 Assistenzzahnärztin am American Hospital in Berlin, vorwiegend Kinderbehandlung.
1991 Promotion. 1992 Teilnahme an einem Postgraduate Programm für Kinderzahnheilkunde an der Loyola University Chicago. Seit 1993 Tätigkeit in eigener Praxis mit Schwerpunkt auf Behandlung von Kindern mit Lachgassedierung und Intubationsnarkose.

Anderseits müssen die Eltern vor der Behandlung genau über Behandlungsablauf und mögliche Alternativen informiert werden. Dieses Gespräch sollte in ruhiger, entspannter Atmosphäre stattfinden. Es ist daher oft hilfreich, wenn die zahnärztliche Mitarbeiterin sich um das Kind kümmert und die Eltern sich in Ruhe dem Beratungsgespräch widmen können (Abb. 1).

Entwicklungspsychologische Grundlagen
Der Behandler betreut in der Regel Kinder der verschiedensten Altersgruppen. Eine erfolgreiche Durchführung therapeutischer Maßnahmen setzt daher immer die altersgerechte Vorgehensweise voraus. Deshalb sollte das zahnärztliche Team Grundkenntnisse über die entwicklungspsychologischen und entwicklungsphysiologische Besonderheiten der einzelnen Altersgruppen besitzen.

Kleinkind (bis drei Jahre)
Bezeichnend für diese Altersgruppe sind die schnell wechselnden Zielvorstellungen und die noch enge Bindung an die Begleitperson (Abb. 2). Die Erstuntersuchung findet daher nicht auf dem Zahnarztstuhl statt. Kleine Kinder sind rationalen Erklärungen wie "ich möchte sehen, ob deine Zähne gesund sind" aufgrund ihrer ichbezogenen Denkweise nicht zugänglich. Das Mittel der Wahl ist ein spielerisches Vorgehen unter Einbeziehung von visueller Ablenkung. Einfache und kurze, in der Regel präventive Maßnahmennnen nach entsprechender Desensibilisierung bei dieser Altersgruppe durchgeführt werden. Ist eine konservierende Behandlung indiziert, kann diese, abhängig vom zahnärztlichen Befund, in der Regel nur unter Sedierung oder Intubationsnarkose vorgenommen werden (Abb. 3).

Vorschulkind (drei bis sechs Jahre)
Die Mehrzahl der Kinder dieser Altersgruppe besucht einen Kindergarten. Das Denken ist daher weniger ichbezogen. Kleine Freunde spielen eine wichtige Rolle, und die Trennung von der Bezugsperson ist für kurze Zeit möglich. Je nach Alter und individueller Veranlagung des Kindes ist die Erstuntersuchung mit Spiegel und Sonde auf dem Zahnarztstuhl möglich.

Vorschulkinder versuchen, sich Dinge, von denen sie umgeben sind, zu erklären. Bezeichnend für diese Erklärungsversuche ist eine animistische Deutungsweise, d.h., leblose Gegenstände, wie z.B. der zahnärztliche Absauger, werden personifiziert. Das zahnärztliche Team sollte auf dieses kindliche Verhalten eingehen und das zahnärztliche Instrumentarium dementsprechend benennen (Absauger = "Schlurfi", Luftspray = "Wind zum Drachensteigen", UV-Licht = Zahnpolizei" etc.). In diesem Zusammenhang bietet sich auch der Gebrauch von Handpuppen an.

Kleinere konservierende Behandlungen können oft ohne zusätzliche Sedierungsmaßnahmen durchgeführt werden, vorausgesetzt, das Kind ist bereits mit Hilfe der "Tell - show - do"-Methode desensibilisiert. Dabei wird dem Kind zuerst in einer kindlichen Sprache das Instrumentarium erklärt, dann die Funktion demonstriert, und zum Schluss kann das Kind selbst das Gezeigte ausprobieren. Diese Vorgehensweise nützt die Tatsache aus, dass bei Kindern im Vorschulalter die praktisch-handelnde Denkweise vorherrscht.

Schulkind
Für das jüngere Schulkind gelten ähnliche Verhaltensmuster, es entwickelt aber mit zunehmendem Alter ein abstrakteres und analytischeres Denken. Diese Fähigkeiten müssen bei der zahnärztlichen Betreuung berücksichtigt werden.

Der Behandler sollte deshalb dem Kind nicht auf einer rein spielerischen Ebene entgegenkommen. Im Gegensatz zu jüngeren Kinder ist es daher angebracht, den Behandlungsablauf auch sachlich zu erklären und gegebenenfalls anhand eines Modells zu veranschaulichen. Schulkinder beginnen, Kausalzusammenhänge zu verstehen. Erklärungen wie "wenn du deine Zähne gut pflegst, bleiben sie gesund" können erst in dieser Altersgruppe sachlich richtig verstanden werden. Ebenso entwickeln Schulkinder eine genaue Zeitvorstellung von Handlungsabläufen, was eine genaue Zeitangabe über die Behandlungsdauer sinnvoll macht.

Vorgehensweise bei der Behandlung
1. Aufbau eines Vertrauensverhältnisses
Entscheidend für die kindliche Kooperation ist, dass ein Vertrauensverhältnis (Rapport) zwischen dem Zahnarzt und dem kleinen Patienten entsteht. Dies gilt für alle Altersgruppen und ist unabhängig von den geplanten zahnärztlichen Maßnahmen. Der Beginn jeder Sitzung ist daher der Aufbau oder die Vertiefung eines bereits bestehenden Rapports. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es wichtig, dass der Behandler individuell die "starken Seiten" (Ressourcen) des Kindes erkennt und dementsprechend darauf reagiert. Es kann z.B. durchaus angebracht sein, ein motorisch begabtes Kleinkind aufzufordern, auf den Behandlungsstuhl zu klettern. Im Gegensatz dazu sollte man einem verträumten, phantasiebegabten Kind zurückhaltender entgegentreten. Diese Kinder sind oft für visuelle (glitzernder Zauberstab) oder auditive Reize (Rhythmik, Singen) sehr empfänglich.

2. Desensibilisierung
Die Desensibilisierung dient einerseits dazu, den Rapport mit dem Kind zu vertiefen und es anderseits mit dem zahnärztlichen Instrumentarium vertraut zu machen. Die Vorgehensweise hängt von dem Alter des Kindes und seiner individuellen Persönlichkeit ab.
In jedem Fall sollte sie schrittweise erfolgen, z.B. zuerst Luftspray auf der Hand und dann im Mund, Wasserspray auf der Hand und dann im Mund etc.
Nur wenn der kleine Patient alle Schritte " geschafft" hat, kann mit der Behandlung begonnen werden. Ist das nicht der Fall, werden zahnärztliche Maßnahmen kaum ohne Hilfe einer Sedierung lege arte durchzuführen sein (Abb. 4).

Zahnärztliche Behandlung
Während der zahnärztlichen Behandlung muss der verbale und/oder körperliche Kontakt mit dem kleinen Patienten aufrechterhalten bleiben. Der Behandler muss, trotz bereits erfolgter Desensibilisierung, alle Behandlungsschritte kommentieren, z.B. kann er das lokale Druckgefühl, das ein Kind während der Injektion empfindet, damit erklären, dass der Zahn "einschläft".

Das zahnärztliche Team muss alle verbalen und nonverbalen Signale des Kindes erkennen und entsprechend darauf reagieren. Eine abwehrende Handbewegung kann dadurch "entschärft" werden, dass der Behandler dem Kind eine Watterolle in die Hand gibt und sich für die Hilfe des Kindes bedankt. Während der Behandlung sollte der Zahnarzt das Verhalten des Kindes durch gezieltes Lob und Ermutigungen ständig positiv verstärken.

Jeder praktisch tätige Zahnarzt kann mit der Situation konfrontiert werden, dass eine Behandlung aufgrund der kindlichen Überforderung abgebrochen werden muss. In diesen Fall sollte der Behandler die Durchführung zahnärztlicher Maßnahmen unter Sedierung oder Intubationsnarkose in Erwägung ziehen und so Eltern und Kind einen Lösungsweg aufzeigen.

Positive Erwartungshaltung dauerhaft erhalten
Die Kinderbehandlung stellt besondere Anforderungen an das gesamte zahnärztliche Team hinsichtlich des psychologischen Einfühlungsvermögens und des persönlichen Engagements.
Wünschenswert in diesem Zusammenhang ist, dass durch Intensivierung von Präventivmaßnahmen ein Behandlungsbedarf, vor allem von Kleinkindern, gar nicht erst entsteht. Dadurch kann ein wichtiges Ziel der Kinderbehandlung erreicht werden, nämlich dass die neutrale oder positive Erwartungshaltung von Kindern gegenüber der zahnärztlichen Betreuung ein Leben lang erhalten bleibt.

Abb.1
Abbildung 1: Helferin kümmert sich um den kleinen Patienten.
Fotos: Freundorfer
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Abb.2
Abbildung 2: Untersuchungsposition für Kleinkinder. Psychologisch geschultes Personal sorgt für Ablenkung.
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Abb.3
Abbildung 3: Saniertes Milchgebiss und Kinderprothese
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Abb.4
Abbildung 4: Desensibilisierung mit "Tell - show - do"-Methode
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