08/07/2019 | Nachrichten | Referat Patienten und Versorgungsforschung

„The Lancet“ kann auch Murks!

Prof. Dr. Christoph Benz zur aktuellen Zahnmedizin-Studie

In „The Lancet“ gab es kürzlich eine Artikel-Serie zur Zahnmedizin. Im Editorial wurden die Beiträge unter der Überschrift „Oral health at a tipping point“ angekündigt. Wenn „The Lancet” schreibt, dann reagieren die Journalisten. Viele titelten „Zahnmedizin in der Krise“, konnten aber eine gewisse Ratlosigkeit nicht verhehlen: Was bitte will uns „The Lancet” eigentlich sagen?

Zweifelhafte Daten-Basis

Vielleicht hilft der Blick in die immerhin 24 Seiten des Lancet-Beitrags. Zunächst soll die weltweite Zahnmedizin in Bezug auf die Häufigkeit von Karies, Parodontitis, Zahnverlust und Mundkrebs verglichen werden. Für Karies greift man auf die Publikation eines Anästhesiologen (!) aus Seattle zurück, der die weltweite Karieshäufigkeit aus Veröffentlichungen zusammengetragen hatte. Leider übersah er die Deutschen Mundgesundheitsstudien, und so kommt es, dass wir den vorletzten Platz belegen.

Weil die Lancet-Autoren zu den anderen Munderkrankungen gar keine Daten haben, beschränken sie sich auf den mehr als fragwürdigen Kariesvergleich. Wer jetzt meint, dass man auf einem derart wackeligen Tisch nicht tanzen sollte, der unterschätzt die wackeren Lanceteers.

Hohes Präventions-Tempo in Deutschland

Zunächst hagelt es Allgemeinplätze, dann die zentrale Botschaft: Zahnmedizin müsse mehr Prävention als Reparatur anbieten. Zusätzlich die Kritik an den Zahnärzten in entwickelten Ländern: Wir würden uns allein aus kommerziellen Gründen auf high-end-Themen fokussieren und damit völlig an unseren Patienten vorbeilaufen.

Liebe Lanceteers, es gibt da ein kleines Land, das heißt Deutschland. Die Zahnärztinnen und Zahnärzte dort legen ein derartiges Präventions-Tempo hin, dass wir inzwischen an der Weltspitze bei der Mundgesundheit stehen. Und nein, eine Basiszahnmedizin würden unsere Patienten wohl nicht zu schätzen wissen.

Bei uns kriselt zwar auch manches – zum Beispiel der Bürokratie- und Prüfwahnsinn – aber kippen tut nichts! Vielleicht wäre die deutsche Erfolgsgeschichte mal eine Serie in „The Lancet“ wert, in jedem Fall gäbe es da mehr zu lernen!

„The Lancet“ kann auch Murks! – Professor Dr. Christoph Benz kommentiert die aktuelle Artikel-Serie
BZBplus 9/2019, S. 6 (PDF | 3,77 MB)

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